Montag, 29. Oktober 2012

Verliebt in einen Traum





Ich war verliebt in einen Traum, - ein Traum voller Zuversicht und Hoffnung, voller Liebe, Leidenschaft und Glück. 

Er schenkte mir all die Liebe, die auch ich ihm gab, erwiderte jeden Kuss mit Zärtlichkeit und Leidenschaft.
Er war für mich da, wie auch ich für ihn da war.
Er stand mir bei, wie auch ich es tat.

Wir verzeihten uns großzügig all unsere Fehler, begegneten uns mit Respekt und Anstand. Der eine gab auf den anderen acht.
Wir teilten unsere Gedanken, unsere Ängste und Sorgen, Wünsche und Träume. Offen sprachen wir über all die Dinge, die uns bewegten.
Wir interessierten uns für den anderen, für seine Bedürfnisse, seine Sehnsüchte.
Gemeinsam gingen wir durchs Leben.

Nie hätte er mich verletzt, stets nahm er Rücksicht auf mich und meine Gefühle.
So auch ich.
Sanft waren seine Berührungen, sein Atem auf meiner Haut. Wenn einer von uns Sorgen hatte, war der andere schon mit tröstenden Worten zur Stelle, immer bereit, seine eigenen Bedürfnisse außer acht zu lassen.
Nie wäre es uns in den Sinn gekommen, den anderen zu verletzen.
Es war stets der andere, der an erster Stelle stand.
Das Wissen um die Fehler des anderen schenkte uns grenzenloses Vertrauen.
Gemeinsam meisterten wir alle Hürden des Lebens.

Aber ein tiefer Schmerz ließ mich erwachen, denn es war nur ein Wunsch, ein Traum,
-mein Traum.

Und trug dieser Traum jemals einen Namen, dann ging er in eine ferne Stadt und kam nicht mehr zurück.
Nun sitze ich hier und warte, warte auf die Rückkehr dieses meines Traumes.
Doch langsam werde ich des Wartens müde.

An dem Ort, wo sich Nacht und Tag berühren, wo unsere Träume noch bei uns sind, werde ich ihn auf ewig lieben und warten, auf meinen Traum.
Ja, ich war verliebt in einen Traum.

Ein Wartender

Montag, 15. Oktober 2012

An einem Regentag



Er ging einen Weg. Doch der Weg war falsch und schlecht. Aber er träumte, er ging den richtigen Weg. Viele, die ihn kannten, wollten ihn wecken, aber er schlief immer wieder ein und träumte weiter.
Als er an einem Regentag dann endlich aufwachte, war er allein in seinem Zimmer. Ein Fenster, leicht geöffnet, ließ ein wenig frische Abendluft in den spartanisch eingerichteten Raum und die Flamme einer Kerze in immer wieder neue Bewegungen fallen. 
Ihr Licht ging fast verloren und doch erweckte sie sein Interesse. Wer hatte sie dort hingestellt? Wer brachte sie zum Leuchten? Wo waren all die Menschen, die er liebte?

Als er durch die leeren Straßen schlenderte, fröstelte es ihn leicht. Es regnete nicht mehr, nur noch der Geruch und ein paar Pfützen erinnerten an einen Schauer. Durch manche Fenster drang Lachen nach draußen. Auch waren Wortfetzen zu hören. Alles kam ihm bekannt vor, bekannt und vertraut. Es war ihm, als durchlebe er seine ganze Jugend und Kindheit. Sein Herz tat ihm weh und er versuchte, jeden dieser Momente aufrecht zu erhalten, sich daran zu erinnern. Doch sie verflogen und gaben sein Herz frei. Er lehnte sich unter einen Fenstersturz und versuchte zu lauschen, doch er verstand die Worte nicht. Und so ging er weiter.

Am Ende der Straße saß ein Bettler. Als er sich ihm näherte, sah er einige Groschen und Pfennigstücke auf einem alten Lappen liegen. Er verspürte Neid. Doch da war auch etwas anderes. Mit einem Mal war er selbst der Bettler und schaute auf den Mann, der sich vor ihm aufbaute. Er spürte den Hunger, der seit Tagen an ihm nagte, den Durst, der seine Kehle trocknete und ihm jedes Wort versagte. Wie gerne hätte er etwas gesagt, wie gerne hätte er ein warmes, freundliches Wort gehört, aber sein Blick blieb starr auf die Knopfreihe des Mantels gerichtet.

Er wusste nicht, wie viel Zeit verflossen war, als sich durch den dunklen Mantelstoff langsam die reichlich dekorierten Schaufenster der gegenüberliegenden Straßenseite schoben.
Da erinnerte er sich an ein Markstück, das er bei sich trug. Es musste da irgendwo in seiner Hosentasche sein. Schnell zog er es heraus und kniete sich nieder. Er konnte jetzt in die tiefen und leeren Augen des Bettlers sehen. Langsam öffnete er seine Hand und ließ das Markstück durch seine Finger gleiten. Ein Gefühl des Glücks und der Zufriedenheit erfüllte ihn.

Doch als das Geldstück den Boden berührte, war die Gestalt des Bettlers verschwunden und vor ihm lag auf dem feuchten Asphalt nur noch ein Knopf, der sich von seinem Mantel gelöst hatte.
Ein kühler Windhauch streifte eine Haarsträhne in sein Gesicht. In Gedanken versunken nahm er den Knopf auf und steckte ihn ein. Er hörte sich lachen. Aber war es sein Lachen? Denn er lachte ja gar nicht. Er schaute sich um, doch die Straßen waren leer. Er stand auf und ging weiter.

Als er um eine Ecke bog, hörte er, wie eine Tür aufgestoßen wurde. Rufe und das Lachen von Kindern durchdrangen die Abendluft. Kinder in bunten Mänteln und Mützen sprangen auf die Straße, manche spielten Fangen, einige andere stellten einem roten Ball nach. Er blieb eine Weile stehen und sah ihnen zu. Immer stärker verspürte er den Drang, ihnen zuzurufen, aber er hatte Angst vor seinen Worten, vor seiner Stimme, vor den Augen der Kinder, die ihn sicherlich würden anschauen, wenn sie sein Rufen vernähmen. Eine ganze Weile rang er mit sich selbst, bis ihn schließlich sein tiefstes Inneres übermannte und er ihnen aus lauter Kehle zurief und er seinen Worten mit Gesten und Armbewegungen zusätzlich Ausdruck verlieh.

Doch kaum waren die Worte über seine Lippen, erschrak er zutiefst, denn er konnte seine eigenen Worte nicht verstehen. Sie waren wie von einer anderen Sprache. Auch zeigten die Kinder keinerlei Reaktion. Es schien, als hätten sie sein Rufen gar nicht vernommen. Sie spielten weiter wie zuvor, lachten und riefen sich laut zu. Auch dieses Rufen konnte er nicht verstehen, obwohl er die Worte deutlich hörte. Er begann, sich einsam zu fühlen. Mit traurigen Augen blickte er auf die Kinder. Zuerst merkte er gar nicht, wie sie um einen kleinen Gegenstand herum tanzten, einen Gegenstand, der ihm, obwohl er ihn nicht genau erkennen konnte, irgendwie vertraut vorkam. Für einen Augenblick wichen alle Ängste und Zweifel und eine innere Kraft ließ ihn auf dieses kleine Etwas in der Mitte der Kinder zugehen. Doch je näher er kam, umso mehr lösten sich die Gestalten in ihren bunten Mänteln auf, bis sie schließlich verschwunden waren. Zurück blieb nur dieser Gegenstand, der nass und schmutzig auf der Straße lag.

Als er sich danach bückte, erkannte er ihn als seine Uhr. Ihm war nicht einmal aufgefallen, dass er sie nicht mehr hatte. Sie musste wohl die ganze Zeit hier gelegen haben, denn jetzt erinnerte er sich, wie er sich hier mit einem Mädchen gestritten hatte, welches wohl der kürzere und bessere Weg zum Bahnhof sei, um ja nicht den Zug zu verpassen. Er musste es wohl sehr geliebt haben, aber jetzt konnte er sich an nichts weiter als diesen Streit erinnern. Alles andere war wie ausgelöscht. Als er das Ziffernblatt der Uhr betrachtete, zeigte es acht Minuten nach zwölf. Sie musste stehen geblieben sein, als sie fiel. Oder war er gefallen und die Zeit stand für ihn still? Sie hätten den Zug so oder so verpasst.

Das Läuten einer Turmuhr riss ihn aus seinen Gedanken. Fünf Schläge hallten durch die leeren Straßen. Fünf Schläge hallten in seinen Ohren. Mit jedem Schlag erklang eine ganze Sinfonie. In jedem Schlag lag sein ganzes Leben verborgen. Jeder Schlag brachte ihn näher zu sich selbst. Ein Schauer lief ihm eiskalt den Rücken herunter. Die scharfe Klinge eines Messers durchdrang sein Herz.

Langsam schlug er den Weg ein, der ihn nach Hause führte. Viel länger als sonst war er unterwegs, und als er zu Hause ankam, begann es bereits zu dunkeln und das fahle Licht der Laternen warf einen gespenstischen Schatten seiner selbst an die Hauswand.

In seinem Zimmer war es dunkel. Durch das Fenster drang kein Licht mehr und auch die Kerze war verloschen. Er verspürte ein großes Schuldgefühl in sich aufsteigen. Er fühlte sich schuldig am Verlöschen dieser Flamme, an der Dunkelheit, die sich wie eine Decke über die Stadt gesenkt hatte, an all den Regentropfen, die sich allmählich wieder dem Himmel lösten. Deutlich sah er vor sich einen kleinen Jungen, vielleicht zwei oder drei Jahre alt. Er sah, wie dieser Junge die Klappe eines Kachelofens öffnete. Hell leuchtete sein weißblondes Haar im Schein des Feuers, als er mit weit ausgestrecktem Arm seinen Schnuller, den er über alles liebgewonnen hatte, der Glut überließ. Er spürte die Hitze in seinem Gesicht. War das der Ursprung von allem, von seinem ganzen Leben? Es war das erste Mal, dass er etwas, was ihm am Herzen lag, zerstörte. Und viele weitere Male sollten folgen.

In dieser Nacht schlief er tief und fest. Eine wichtige Erkenntnis verhalf ihm zu dieser Ruhe.

Purpur erfüllte am nächsten Morgen das kleine Zimmer. Der Singsang der Vögel durchdrang die Stille des neuen Tages und ließ ihn mit einem Lächeln erwachen. Er wusste nun, was er sich, vor allem aber allen anderen schuldig war. Er griff zu Stift und Papier und schrieb all seine Träume und Gedanken auf. Für die, die er stehen ließ, indem er sie fortschickte. Und mit jedem Wort, das er schrieb, verspürte er mehr, wie sehr er diese Menschen liebte und brauchte.
Eine bizarre Mischung aus Glück und Trauer legte sich in sein Herz und verweilte dort bis an sein bescheidenes Ende.

Sonntag, 7. Oktober 2012

Ich schaue über mein Visier





Ich schaue über mein Visier

Langsam erhebt sich die Morgensonne
Der leichte Nebelschleier löst sich
Erste Vogelstimmen werden laut

Ich schaue über mein Visier

Dahinten
Die andere Seite des Feldes
Er wird kommen
Irgendwann

Ich schaue über mein Visier

Er muss es zuerst tun

Er
Nicht ich
Warum ich?

         Ich will es nicht schuld sein



Ich schaue über mein Visier

Es ist alles so nah und doch so fern

Ich werde mich erschrecken
Ich erschrecke
Ich habe mich erschreckt

So wird es sein
So ist es
So ist es gewesen

Ich schaue über mein Visier

Langsam erhebt sich die Morgensonne
Der Nebelschleier hat sich gelöst
Vogelstimmen durchdringen die kühle Herbstluft
Ein neuer Tag ist da

Ich schaue über mein Visier

Er wird kommen
Irgendwann





Zu zweit






Einen schwierigen Weg, steinig und weit
Wenn man sich liebt, man geht ihn zu zweit

Der eine gibt auf den anderen acht
Wohl wissend, dass jeder mal Fehler macht

Und all diese Berge und Täler der Welt
Wie will man sie meistern, wenn man sich ihnen nicht stellt

Oft gibt es Zweifel, oft braucht man Kraft
Es gibt keine Klippe, die zu zweit man nicht schafft

Durch dick und dünn, wie das Sprichwort schon sagt
Schweißt Herzen zusammen, wenn man‘s „Zwei sein“ erst wagt

Und der gemeinsame Weg, blickt man einmal zurück
Zeigt Geduld und Gefühle, Sehnsucht und Glück




wie gern würde ich gestern morgen erleben






Ein Treiben


Fließend ein Stück nur an jeder Ort

Die Unendlichkeit eines Augenblickes
Verschollen und immerdar



Eine Freude
Gerade verweilt und schon verblichen
Der Strom der Zeit
In jeder Richtung ohne Ziel
Ein Blatt einer Erinnerung
Gehalten und doch nicht wert



Wie gerne würde ich gestern


Morgen erleben

Sonntag, 30. September 2012

Der Bettler


Es war ein sehr heißer Tag. Viel heißer als die Tage zuvor. Die Fußgängerzone war überfüllt mit Leuten, die merklich unter der Hitze leidend von einem Geschäft ins nächste eilten, auf der Suche nach dies und jenem, in erster Linie aber nach einem etwas kühle-ren Fleckchen.

Er saß an einer Ecke unter einem Überbau, dort, wo ihn die Sonne nicht erdrücken konnte, und beobachtete die Menschen, die an ihm vorübergingen.
So war er auch einmal. Alles war wichtig, nur das Wichtige nicht. Immer wieder gab es neues, anderes, dem er unbedingt nachgehen musste, neue Ideen, die verwirklicht werden wollten, aber nichts brachte er zu Ende, nichts führte ihn zum Ziel. Aber hatte er es gewusst? Wusste er es jetzt?

Ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, verspürte er Neid. Er war neidisch auf all die Leute, die beladen mit Tüten und Taschen, Kartons und Paketen voller irgendwas ein Geschäft verließen, um im nächsten zu verschwinden.
Ihm fehlte dieses Leben, diese scheinbare Geborgenheit in einem klar definierten Ablaufplan des Lebens. Aber aus dieser Geborgenheit hatte er sich ja gelöst. Er ist durch ein Netz der Sicherheit hindurch gerutscht wie ein Fisch durch viel zu große Maschen. Er tat es unbewusst und mit voller Absicht.

Der Hunger der letzten Tage machte sich bemerkbar. In seinen Gedanken formte sich das Bild eines großen, saftigen, roten Apfels. Wie gerne würde er jetzt in den Supermarkt gehen und sich eine dieser großkalibrigen Früchte kaufen.
Eine Mark. Wenn er nur eine Mark hätte. Aber seine Taschen haben schon lange keine Geldstücke mehr beherbergt.
Eine Mark. Nur eine einzige Mark. In Gedanken sah er vor sich den Pfarrer seiner Heimatstadt, wie er einmal während eines Gottesdienstes durch die Menge ging und nach einer Mark fragte.
Haste mal ne Mark? Ne Mark. Oder der Bettler, der ihn einmal ansprach. Hast du ein, zwei Mark für mich? Ein, zwei Mark.

Es hämmerte tief in seinem Kopf. "Haste mal ne Mark?" hörte er sich sagen.
Er erschrak. Hatte er es wirklich gesagt?
Er blickte die Leute an, die an ihm vorübergingen. Er suchte in ihren Augen nach einer Antwort. Hatte er es gesagt oder nicht?
Hatten sie es vielleicht nicht gehört?
Oder taten sie das, was er früher auch immer tat? Taten sie so, als würden sie ihn gar nicht wahrnehmen, als wäre er gar nicht vor-handen?

Ihm ging es früher gar nicht so sehr um das Geld als um diesen unendlichen Aufwand, Geld aus der Hosentasche zu nehmen. Was hätten die anderen gedacht, wenn er einfach etwas Geld aus der Tasche genommen hätte und es einem Bettler gegeben hätte?
Bettler?
Wieso sagte und dachte er auf einmal Bettler? Früher waren er für ihn Penner, Landstreicher und Strauchdiebe, Rumtreiber und Hungerleider.

Aber das war er ja jetzt auch, oder etwa nicht?
Er hatte seinen Hunger wieder vergessen. Es war ihm unangenehm, wie die Menschen an ihm vorüberzogen. Jeden Moment konnte einer aufschauen und ihn ansehen.
Er schämte sich, weil er hier so saß. Er schämte sich, weil er früher keinem Bettler etwas gegeben hatte, noch nicht einmal ein Lächeln.

"Dann geh doch arbeiten." Eine ältere Dame baute sich vor ihm auf und blickte ihn bestimmend an. "Andere tun das schließlich auch. Aber dafür seid ihr ja viel zu faul."

Arbeiten. Wer gibt einem Menschen, den die Gesellschaft schon längst aufgegeben, hat ja schlimmer, den die Gesellschaft als störend empfindet, Arbeit?
Arbeit.
Wie gerne hätte er gesagt: "ja, ich will. Ich will alles arbeiten, was möglich ist. Sag mir, was ich tun soll und ich werde es machen, nicht für Geld, nein, für etwas zu essen und für ein Dach über dem Kopf "

Aber sie war schon weg.
Er merkte es daran, daß der Duft von Siebenundvierzigelf sich langsam auflöste.
Allmählich nahm er die Stimmen und Geräusche der Fußgängerzone wieder wahr. War er in Gedanken versunken und hatte alles nur geträumt?
Ein Pfarrer ging vorüber, musterte ihn prüfend, als wollte er sagen, er solle die Messe nicht vergessen.
Aber er sagte nichts und ging einfach weiter seines Weges.

Es war ein sehr heißer Tag, viel heißer als die Tage davor und er war froh, dass er einen Platz im Schatten gefunden hatte, von dem ihn keiner verjagte.


Freitag, 28. September 2012

Wenn jemand weint



Daneben stehen, wenn jemand weint

Stehen an seiner eigenen Grenze
Ohnmacht und Betroffenheit
Jedes Wort ein Wort zuviel
Jedes Schweigen noch viel mehr

Ein Schmerz ruht im Raum
Verloren

Daneben stehen, wenn jemand weint

Sehnsucht nach Trost
Lässt einen erstarren
Mit einem Menschen leiden
Warten auf den nächsten Tag

Daneben stehen und weinen
Tief im Herzen ohne Tränen

Weinen