Sonntag, 30. September 2012

Der Bettler


Es war ein sehr heißer Tag. Viel heißer als die Tage zuvor. Die Fußgängerzone war überfüllt mit Leuten, die merklich unter der Hitze leidend von einem Geschäft ins nächste eilten, auf der Suche nach dies und jenem, in erster Linie aber nach einem etwas kühle-ren Fleckchen.

Er saß an einer Ecke unter einem Überbau, dort, wo ihn die Sonne nicht erdrücken konnte, und beobachtete die Menschen, die an ihm vorübergingen.
So war er auch einmal. Alles war wichtig, nur das Wichtige nicht. Immer wieder gab es neues, anderes, dem er unbedingt nachgehen musste, neue Ideen, die verwirklicht werden wollten, aber nichts brachte er zu Ende, nichts führte ihn zum Ziel. Aber hatte er es gewusst? Wusste er es jetzt?

Ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, verspürte er Neid. Er war neidisch auf all die Leute, die beladen mit Tüten und Taschen, Kartons und Paketen voller irgendwas ein Geschäft verließen, um im nächsten zu verschwinden.
Ihm fehlte dieses Leben, diese scheinbare Geborgenheit in einem klar definierten Ablaufplan des Lebens. Aber aus dieser Geborgenheit hatte er sich ja gelöst. Er ist durch ein Netz der Sicherheit hindurch gerutscht wie ein Fisch durch viel zu große Maschen. Er tat es unbewusst und mit voller Absicht.

Der Hunger der letzten Tage machte sich bemerkbar. In seinen Gedanken formte sich das Bild eines großen, saftigen, roten Apfels. Wie gerne würde er jetzt in den Supermarkt gehen und sich eine dieser großkalibrigen Früchte kaufen.
Eine Mark. Wenn er nur eine Mark hätte. Aber seine Taschen haben schon lange keine Geldstücke mehr beherbergt.
Eine Mark. Nur eine einzige Mark. In Gedanken sah er vor sich den Pfarrer seiner Heimatstadt, wie er einmal während eines Gottesdienstes durch die Menge ging und nach einer Mark fragte.
Haste mal ne Mark? Ne Mark. Oder der Bettler, der ihn einmal ansprach. Hast du ein, zwei Mark für mich? Ein, zwei Mark.

Es hämmerte tief in seinem Kopf. "Haste mal ne Mark?" hörte er sich sagen.
Er erschrak. Hatte er es wirklich gesagt?
Er blickte die Leute an, die an ihm vorübergingen. Er suchte in ihren Augen nach einer Antwort. Hatte er es gesagt oder nicht?
Hatten sie es vielleicht nicht gehört?
Oder taten sie das, was er früher auch immer tat? Taten sie so, als würden sie ihn gar nicht wahrnehmen, als wäre er gar nicht vor-handen?

Ihm ging es früher gar nicht so sehr um das Geld als um diesen unendlichen Aufwand, Geld aus der Hosentasche zu nehmen. Was hätten die anderen gedacht, wenn er einfach etwas Geld aus der Tasche genommen hätte und es einem Bettler gegeben hätte?
Bettler?
Wieso sagte und dachte er auf einmal Bettler? Früher waren er für ihn Penner, Landstreicher und Strauchdiebe, Rumtreiber und Hungerleider.

Aber das war er ja jetzt auch, oder etwa nicht?
Er hatte seinen Hunger wieder vergessen. Es war ihm unangenehm, wie die Menschen an ihm vorüberzogen. Jeden Moment konnte einer aufschauen und ihn ansehen.
Er schämte sich, weil er hier so saß. Er schämte sich, weil er früher keinem Bettler etwas gegeben hatte, noch nicht einmal ein Lächeln.

"Dann geh doch arbeiten." Eine ältere Dame baute sich vor ihm auf und blickte ihn bestimmend an. "Andere tun das schließlich auch. Aber dafür seid ihr ja viel zu faul."

Arbeiten. Wer gibt einem Menschen, den die Gesellschaft schon längst aufgegeben, hat ja schlimmer, den die Gesellschaft als störend empfindet, Arbeit?
Arbeit.
Wie gerne hätte er gesagt: "ja, ich will. Ich will alles arbeiten, was möglich ist. Sag mir, was ich tun soll und ich werde es machen, nicht für Geld, nein, für etwas zu essen und für ein Dach über dem Kopf "

Aber sie war schon weg.
Er merkte es daran, daß der Duft von Siebenundvierzigelf sich langsam auflöste.
Allmählich nahm er die Stimmen und Geräusche der Fußgängerzone wieder wahr. War er in Gedanken versunken und hatte alles nur geträumt?
Ein Pfarrer ging vorüber, musterte ihn prüfend, als wollte er sagen, er solle die Messe nicht vergessen.
Aber er sagte nichts und ging einfach weiter seines Weges.

Es war ein sehr heißer Tag, viel heißer als die Tage davor und er war froh, dass er einen Platz im Schatten gefunden hatte, von dem ihn keiner verjagte.


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