Sonntag, 18. November 2012

Gleise





Züge rauschen unter mir
Ihr Rauschen gleicht einer Musik
Ihr Rattern fordert zu einem Tanz auf
Wenige Sekunden noch

Dann ist es wieder still
Still um mich

Eine ganze Welt zieht an mir vorbei
Auf geradem Wege in fließender Bewegung
Immer weiter und weiter dem Ziel entgegen

Es ist wieder still
Still um mich

Sehnsucht lässt mich ihm nachschauen
Es ist, als blicke ich meinem ganzen Leben hinterher
Ein Gefühl, als hätte ich alles verpasst


Ich blicke auf die Gleise

Zwei Linien auf einem gemeinsamen Weg
Erst in weiter Ferne berühren sie sich

Aber berühren sie sich wirklich?

Bald schon kommt der nächste
Was er mir wohl bringt?

Ich habe noch so viele Fragen
Habe noch so viel zu sehen
So viel zu fühlen

Aber auch dann wird es wieder still sein

Still um mich



Sonntag, 11. November 2012

Weiter



Blätter eine Seite weiter
Im großen, schweren Lebensbuch
Und sag mir, was geschrieben steht
Zeig mir, was ich so lang schon such



Gehe einen Schritt nach vorne
Auf dem langen Lebensweg
Und sag mir, was mich dort erwartet
Sag, was ich mir auferleg



Dreh die Uhr zwölf Stunden weiter
Sag mir, was am Morgen war
Sag mir, hast Du mich gesehen
Sag mir, war ich auch noch da?



Zu Real





Surreale Integration
Irreale Konfusitation

Automobile erblühen im Glanz des Mondlichtes

Trotz vorhandener Regeln treibt ein Autor
Sein unsinnig‘ Spiel

Ist es die Morgendämmerung, die verspätet ein Begräbnis einläutet?

Ist es die Konfrontation
Mit dem Nichtvorhandensein des Seins?

Ein Kristall erweckt, was niemand erahnt
Die Zeit zerfließt wie eine Uhr

Das Ergründen der grundlosen Schuld
Reflektiert die zweckmäßige Überheblichkeit

Was sich ändert, bleibt stehen
Sinnvolles Ausnutzen der Abhängigkeit der Unlust
Das Uninteresse der Deformierung eines Schadens macht sich breit

Ein Lachen hallt durch den Rest eines Schlüsselloches
Ein Gang voller Bilder macht uns nicht klug

Die Neuerung einer Information
Fügt zusammen alle Unkenntlichkeit

Klares Bewusstsein erlangt man nur unbewusst
Ängste setzen eine Kraft frei, die man fürchtet

Feierabend
Ist das Ende einer Leistungsgesellschaft

Die Gabe des Gebens wird vergeben
Nach den Kriterien einer Planungsnostalgie

Der Ruf der Vergangenheit
Erreicht uns erst morgen

Das Ende eines Abschnittes
ist der Anbeginn eines Fragewortes

Kooperative Immunität ist ein Bindeglied zwischen
Inkompetenz und Assoziation

Genialität ist ein Störfaktor im heutigen Intellekt


Automobile erwachen im Eisfrühling einer Hochsaison


Montag, 29. Oktober 2012

Verliebt in einen Traum





Ich war verliebt in einen Traum, - ein Traum voller Zuversicht und Hoffnung, voller Liebe, Leidenschaft und Glück. 

Er schenkte mir all die Liebe, die auch ich ihm gab, erwiderte jeden Kuss mit Zärtlichkeit und Leidenschaft.
Er war für mich da, wie auch ich für ihn da war.
Er stand mir bei, wie auch ich es tat.

Wir verzeihten uns großzügig all unsere Fehler, begegneten uns mit Respekt und Anstand. Der eine gab auf den anderen acht.
Wir teilten unsere Gedanken, unsere Ängste und Sorgen, Wünsche und Träume. Offen sprachen wir über all die Dinge, die uns bewegten.
Wir interessierten uns für den anderen, für seine Bedürfnisse, seine Sehnsüchte.
Gemeinsam gingen wir durchs Leben.

Nie hätte er mich verletzt, stets nahm er Rücksicht auf mich und meine Gefühle.
So auch ich.
Sanft waren seine Berührungen, sein Atem auf meiner Haut. Wenn einer von uns Sorgen hatte, war der andere schon mit tröstenden Worten zur Stelle, immer bereit, seine eigenen Bedürfnisse außer acht zu lassen.
Nie wäre es uns in den Sinn gekommen, den anderen zu verletzen.
Es war stets der andere, der an erster Stelle stand.
Das Wissen um die Fehler des anderen schenkte uns grenzenloses Vertrauen.
Gemeinsam meisterten wir alle Hürden des Lebens.

Aber ein tiefer Schmerz ließ mich erwachen, denn es war nur ein Wunsch, ein Traum,
-mein Traum.

Und trug dieser Traum jemals einen Namen, dann ging er in eine ferne Stadt und kam nicht mehr zurück.
Nun sitze ich hier und warte, warte auf die Rückkehr dieses meines Traumes.
Doch langsam werde ich des Wartens müde.

An dem Ort, wo sich Nacht und Tag berühren, wo unsere Träume noch bei uns sind, werde ich ihn auf ewig lieben und warten, auf meinen Traum.
Ja, ich war verliebt in einen Traum.

Ein Wartender

Montag, 15. Oktober 2012

An einem Regentag



Er ging einen Weg. Doch der Weg war falsch und schlecht. Aber er träumte, er ging den richtigen Weg. Viele, die ihn kannten, wollten ihn wecken, aber er schlief immer wieder ein und träumte weiter.
Als er an einem Regentag dann endlich aufwachte, war er allein in seinem Zimmer. Ein Fenster, leicht geöffnet, ließ ein wenig frische Abendluft in den spartanisch eingerichteten Raum und die Flamme einer Kerze in immer wieder neue Bewegungen fallen. 
Ihr Licht ging fast verloren und doch erweckte sie sein Interesse. Wer hatte sie dort hingestellt? Wer brachte sie zum Leuchten? Wo waren all die Menschen, die er liebte?

Als er durch die leeren Straßen schlenderte, fröstelte es ihn leicht. Es regnete nicht mehr, nur noch der Geruch und ein paar Pfützen erinnerten an einen Schauer. Durch manche Fenster drang Lachen nach draußen. Auch waren Wortfetzen zu hören. Alles kam ihm bekannt vor, bekannt und vertraut. Es war ihm, als durchlebe er seine ganze Jugend und Kindheit. Sein Herz tat ihm weh und er versuchte, jeden dieser Momente aufrecht zu erhalten, sich daran zu erinnern. Doch sie verflogen und gaben sein Herz frei. Er lehnte sich unter einen Fenstersturz und versuchte zu lauschen, doch er verstand die Worte nicht. Und so ging er weiter.

Am Ende der Straße saß ein Bettler. Als er sich ihm näherte, sah er einige Groschen und Pfennigstücke auf einem alten Lappen liegen. Er verspürte Neid. Doch da war auch etwas anderes. Mit einem Mal war er selbst der Bettler und schaute auf den Mann, der sich vor ihm aufbaute. Er spürte den Hunger, der seit Tagen an ihm nagte, den Durst, der seine Kehle trocknete und ihm jedes Wort versagte. Wie gerne hätte er etwas gesagt, wie gerne hätte er ein warmes, freundliches Wort gehört, aber sein Blick blieb starr auf die Knopfreihe des Mantels gerichtet.

Er wusste nicht, wie viel Zeit verflossen war, als sich durch den dunklen Mantelstoff langsam die reichlich dekorierten Schaufenster der gegenüberliegenden Straßenseite schoben.
Da erinnerte er sich an ein Markstück, das er bei sich trug. Es musste da irgendwo in seiner Hosentasche sein. Schnell zog er es heraus und kniete sich nieder. Er konnte jetzt in die tiefen und leeren Augen des Bettlers sehen. Langsam öffnete er seine Hand und ließ das Markstück durch seine Finger gleiten. Ein Gefühl des Glücks und der Zufriedenheit erfüllte ihn.

Doch als das Geldstück den Boden berührte, war die Gestalt des Bettlers verschwunden und vor ihm lag auf dem feuchten Asphalt nur noch ein Knopf, der sich von seinem Mantel gelöst hatte.
Ein kühler Windhauch streifte eine Haarsträhne in sein Gesicht. In Gedanken versunken nahm er den Knopf auf und steckte ihn ein. Er hörte sich lachen. Aber war es sein Lachen? Denn er lachte ja gar nicht. Er schaute sich um, doch die Straßen waren leer. Er stand auf und ging weiter.

Als er um eine Ecke bog, hörte er, wie eine Tür aufgestoßen wurde. Rufe und das Lachen von Kindern durchdrangen die Abendluft. Kinder in bunten Mänteln und Mützen sprangen auf die Straße, manche spielten Fangen, einige andere stellten einem roten Ball nach. Er blieb eine Weile stehen und sah ihnen zu. Immer stärker verspürte er den Drang, ihnen zuzurufen, aber er hatte Angst vor seinen Worten, vor seiner Stimme, vor den Augen der Kinder, die ihn sicherlich würden anschauen, wenn sie sein Rufen vernähmen. Eine ganze Weile rang er mit sich selbst, bis ihn schließlich sein tiefstes Inneres übermannte und er ihnen aus lauter Kehle zurief und er seinen Worten mit Gesten und Armbewegungen zusätzlich Ausdruck verlieh.

Doch kaum waren die Worte über seine Lippen, erschrak er zutiefst, denn er konnte seine eigenen Worte nicht verstehen. Sie waren wie von einer anderen Sprache. Auch zeigten die Kinder keinerlei Reaktion. Es schien, als hätten sie sein Rufen gar nicht vernommen. Sie spielten weiter wie zuvor, lachten und riefen sich laut zu. Auch dieses Rufen konnte er nicht verstehen, obwohl er die Worte deutlich hörte. Er begann, sich einsam zu fühlen. Mit traurigen Augen blickte er auf die Kinder. Zuerst merkte er gar nicht, wie sie um einen kleinen Gegenstand herum tanzten, einen Gegenstand, der ihm, obwohl er ihn nicht genau erkennen konnte, irgendwie vertraut vorkam. Für einen Augenblick wichen alle Ängste und Zweifel und eine innere Kraft ließ ihn auf dieses kleine Etwas in der Mitte der Kinder zugehen. Doch je näher er kam, umso mehr lösten sich die Gestalten in ihren bunten Mänteln auf, bis sie schließlich verschwunden waren. Zurück blieb nur dieser Gegenstand, der nass und schmutzig auf der Straße lag.

Als er sich danach bückte, erkannte er ihn als seine Uhr. Ihm war nicht einmal aufgefallen, dass er sie nicht mehr hatte. Sie musste wohl die ganze Zeit hier gelegen haben, denn jetzt erinnerte er sich, wie er sich hier mit einem Mädchen gestritten hatte, welches wohl der kürzere und bessere Weg zum Bahnhof sei, um ja nicht den Zug zu verpassen. Er musste es wohl sehr geliebt haben, aber jetzt konnte er sich an nichts weiter als diesen Streit erinnern. Alles andere war wie ausgelöscht. Als er das Ziffernblatt der Uhr betrachtete, zeigte es acht Minuten nach zwölf. Sie musste stehen geblieben sein, als sie fiel. Oder war er gefallen und die Zeit stand für ihn still? Sie hätten den Zug so oder so verpasst.

Das Läuten einer Turmuhr riss ihn aus seinen Gedanken. Fünf Schläge hallten durch die leeren Straßen. Fünf Schläge hallten in seinen Ohren. Mit jedem Schlag erklang eine ganze Sinfonie. In jedem Schlag lag sein ganzes Leben verborgen. Jeder Schlag brachte ihn näher zu sich selbst. Ein Schauer lief ihm eiskalt den Rücken herunter. Die scharfe Klinge eines Messers durchdrang sein Herz.

Langsam schlug er den Weg ein, der ihn nach Hause führte. Viel länger als sonst war er unterwegs, und als er zu Hause ankam, begann es bereits zu dunkeln und das fahle Licht der Laternen warf einen gespenstischen Schatten seiner selbst an die Hauswand.

In seinem Zimmer war es dunkel. Durch das Fenster drang kein Licht mehr und auch die Kerze war verloschen. Er verspürte ein großes Schuldgefühl in sich aufsteigen. Er fühlte sich schuldig am Verlöschen dieser Flamme, an der Dunkelheit, die sich wie eine Decke über die Stadt gesenkt hatte, an all den Regentropfen, die sich allmählich wieder dem Himmel lösten. Deutlich sah er vor sich einen kleinen Jungen, vielleicht zwei oder drei Jahre alt. Er sah, wie dieser Junge die Klappe eines Kachelofens öffnete. Hell leuchtete sein weißblondes Haar im Schein des Feuers, als er mit weit ausgestrecktem Arm seinen Schnuller, den er über alles liebgewonnen hatte, der Glut überließ. Er spürte die Hitze in seinem Gesicht. War das der Ursprung von allem, von seinem ganzen Leben? Es war das erste Mal, dass er etwas, was ihm am Herzen lag, zerstörte. Und viele weitere Male sollten folgen.

In dieser Nacht schlief er tief und fest. Eine wichtige Erkenntnis verhalf ihm zu dieser Ruhe.

Purpur erfüllte am nächsten Morgen das kleine Zimmer. Der Singsang der Vögel durchdrang die Stille des neuen Tages und ließ ihn mit einem Lächeln erwachen. Er wusste nun, was er sich, vor allem aber allen anderen schuldig war. Er griff zu Stift und Papier und schrieb all seine Träume und Gedanken auf. Für die, die er stehen ließ, indem er sie fortschickte. Und mit jedem Wort, das er schrieb, verspürte er mehr, wie sehr er diese Menschen liebte und brauchte.
Eine bizarre Mischung aus Glück und Trauer legte sich in sein Herz und verweilte dort bis an sein bescheidenes Ende.